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Gib mir Straßennamen!

16.06.2012 | 23:02 ·

So hatte sich die Familie Weber das aber nicht vorgestellt. Gerry Weber hat sich in den letzten Jahrzehnten ein kleines Imperium in Ostwestfalen aufgebaut, und das Rasenturnier in Halle ist dabei so etwas wie das Sahnestückchen im Sortiment. Und da man in diesem Jahr das 20. Jubiläum der Erfolgsveranstaltung feiert, ließen es sich die Webers ein hübsches Sümmchen kosten, um nicht nur Roger Federer, sondern auch noch Rafael Nadal in die idyllische Provinz zu locken. Denn im letzten Jahr hatte sie der Schweizer Maestro hängen gelassen - doppelt hält also besser, dachte man sich. Und sie kamen ja auch, beide.

Überall auf der Anlage war mit den beiden Dauerrivalen plakatiert, als "Das Duell" wurde uns mit der Aussicht auf das große Finale der Mund wässrig gemacht. Doch nichts war es mit einer Neuauflage des Klassikers, denn Nadal hielt sich einfach nicht an die Abmachung. Raus im Viertelfinale, man hätte es allerdings irgendwie ahnen können. Im Londoner Queen's Club tat sich der Mallorquiner auch meist schwer, die Umstellung von Sand auf Rasen – und das von jetzt auf gleich - ist für Nadal eben die ultimative Härte. Und es ist auch nicht so, dass Nadal nur nach Halle gereist wäre, um seinen Scheck abzuholen und wieder zu verschwinden. So dreist wie Jo-Wilfried Tsonga sich in München und zuvor in Estoril verhalten hat, ist Nadal keineswegs.

Nach 15 harten Tagen in Roland Garros schwebte Nadal am Dienstag mit dem Privatjet in Paderborn ein, weiter ging die Autofahrt bis in die Hallesche Provinz. Müde, aber gut gelaunt schnitt er zur Begrüßung gleich noch eine Torte an, schüttelte Hände, schrieb Autogramme. Alles gut. Und dann kam er sogar auch noch mit seinem Tross am Abend zur Player's Party nach Bielefeld. Musste er gar nicht, wollte er aber. Ganz locker, ganz zugänglich, ganz entspannt war Nadal im "Elephant Club". Aber so ist er eigentlich meistens. Selbst wenn mal wieder in der Nähe ist. Und auch wenn Nadal auf einem der vielen Schleichwege auf der Anlage von seinen fünf bulligen Sicherheitskräften umringt die Abkürzung durchs Pressezentrum nimmt, kommt von Nadal stets der freundliche Gruß in die Journalistenrunde. Das macht längst nicht jeder.

In seiner Verzweiflung, möglichst schnell möglichst viel Matchpraxis zu bekommen, trat Nadal am Mittwoch sogar im Doppel an. Aber selbst ein siebenmaliger Paris-Sieger kann auf dem Court geradezu unbeholfen wirken, Rasentennis hat eben seine eigenen Gesetze. An die konnte sich besonders seine Rückhand aber nicht ad hoc gewöhnen. Gegen Philipp Kohlschreiber spielte er sie nur mit Slice - wann hatte man das schon mal gesehen. Und wann hatte es je Matches gegeben, bei denen Nadal nur drei Punkte beim ersten Aufschlag des Gegners machte? Man konnte verstehen, dass Nadal lieber einen Abstecher zum "Golf Club Teutoburger Wald" nebenan gemacht hätte. "Das Tolle am Golf ist doch, dass man nicht verlieren kann", meinte der Spanier mit Handicap sieben, "man kann Dritter oder Fünfter werden. Aber im Tennis, da verliert man."

Den Webers wäre die Golfvariante sicher auch lieber gewesen, stattdessen aber rauschte Nadal am Freitag zum letzten Mal die Hotelzufahrtsstraße hinunter, die jetzt "Roger-Federer-Allee" heißt. Nein, Nadal hatte wirklich alles probiert, man musste ihm keine Straßennamen geben. Und ein Gewinn war er dennoch für die Veranstaltung. Auch wenn es eines gab, was ihm die Webers in der Idylle trotzdem nicht bieten konnten: den Strand samt Sonnenschein Daheim in Mallorca. Dahin verzog sich Nadal nun, Pause machen, relaxen. Sein Onkel Toni urlaubt dort schon seit einer Woche. Na dann, pásalo bien!

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