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Das Beste zum Schluss

30.11.2011 | 11:56 ·

Es ging am Sonntagabend bereits auf Mitternacht zu, als Roger Federer den ehemaligen Millennium Dome verließ und vom Themse-Ufer aus mit dem Fährschiff in Richtung Hotel zurück schipperte. Unter dem Kuppeldach war längst der Kehraus im Gange, die Banden und den Videowürfel hatte man eilig abgebaut, vom blau-weißen Flitterregen, in dem Federer gerade noch selig die silberne Siegertrophäe emporgereckt hatte, war schon nichts mehr zu sehen. Am Ende eines Turniers geht immer alles rasend schnell. Ob Catering, Technik oder Verkaufsstände, jeder will einfach nur noch zügig nach Hause.

Für die Journalisten gilt das eigentlich auch, aber meist sind es dann doch sie, die notgedrungen als Letzte das Licht ausmachen. So war es auch in London. Lange hatte Federer noch mit der Medienarbeit zugebracht, denn es war wieder einer dieser Abende gewesen, an dem sich der Schweizer in den Tennis-Annalen verewigt hatte. Und darüber gab es natürlich viel zu reden. Mit dem sechsten Titel beim Tour-Finale hatte er die alten Heroen Ivan Lendl und Pete Sampras nun hinter sich gelassen. Und Federer spürt wie kaum ein anderer noch aktive Spieler diese Verbindung zu den ehemaligen Champions. Dass er in einer Reihe mit ihnen genannt wird, ehrt Federer einerseits, aber ihm ist es viel wichtiger, dass die Ehemaligen überhaupt wieder erwähnt und eben nicht vergessen werden. Federer erzählte mit leuchtenden Augen davon, wie er als Kind Stefan Edberg bewundert hat, und wie schön es nun sei, genauso viele Matches gewonnen zu haben, wie sein Idol.

Federer tat das fließend in drei Sprachen, er springt problemlos zwischen ihnen hin und her. Gut 80 Journalisten saßen noch bei der Pressekonferenz, und es gab wohl niemanden in diesem Raum, der Federer diesen Triumph nicht gönnt. Sicher, viele hatten auch schon geschrieben, dass die Zeit des großen Zauberers wohl abgelaufen sei. Dass ein weiterer Grand-Slam-Titel kaum wahrscheinlich sei. Es ist nichts Persönliches, wenn so getitelt wird, aber nach fast zwei Jahren ohne große Trophäe ist der Abgesang eben programmiert. Und das Schreiben hatte manchem wohl ebenso weh getan wie Federer, der Schlagzeilen über sich lesen musste. Er konnte es nie verstehen, warum ihn alle schon abschrieben, nur weil er nun 30 Jahre alt war und da zwei Spieler an ihm vorbeigezogen sind. Federer hatte immer fast trotzig an seinen Chancen auf die großen Titel festgehalten. Zu Recht, wie er in dieser Woche eindrucksvoll untermauert hatte.

Aber Federer ist nicht der Typ, der dann triumphierend auf dem Podium sitzt und sagt: "Jetzt habe ich es euch aber allen gezeigt." Vielmehr ist ihm die tiefe Genugtuung anzusehen, die er sich selbst gegenüber verspürt. Er hatte es sich selbst bewiesen, und das machte ihn glücklich. Immer wieder wurde Federer an diesem Abend gefragt, ob ihm solche Siege denn überhaupt noch etwas bedeuten würden. Er hätte doch schon alles gewonnen. Die Frage war im Grunde überflüssig, denn jeder hatte sie Federer nach dem Matchball angesehen, die Tränen in seinen Augen. Er ist schon immer ein sehr emotionaler Mensch gewesen. In jüngeren Jahren, da zerlegte er vor Wut seine Schläger, wenn er verlor. Und dann, als er immer öfter gewann, da waren es die Freudentränen, die ihn in den wichtigen Momenten übermannten. Wenn aller Druck von ihm abfiel, wenn alles vorbei war. Dann zeigte Federer seine weiche Seite, ohne Scham. Im Gegenteil, die Tränen unterstrichen nur, dass ihm bei allen Triumphen und Rekorden, die er in seiner Karriere schon reihenweise errungen hatte, jeder weitere immer noch alles bedeutete. Federer liebt diesen Sport, das wird sich nie ändern. Und das spüren auch seine Fans. Und nach der Woche von London möchte man wieder daran glauben, dass es noch nicht der letzte große Titel gewesen ist.

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