Li Na: Sieg einer chinesischen Heldin der Individualität

05.06.2011 | 11:32 · (tennisnet)

Die erste chinesische Grand-Slam-Siegerin schwamm schon immer gegen den Strom der Direktiven.

Bild: tennisnet

Von Jörg Allmeroth

Vor neun Jahren hatten die Funktionäre des chinesischen Tennisverbandes mal wieder eine sonderbare Idee. Gerade war ihre junge Perspektivspielerin Li Na in eine kleine Krise geschlittert, da forderten die Apparatschiks ziemlich kategorisch, dass die „Goldene Blume“ sich fortan doch besser auf Doppeleinsätze konzentrieren solle. Doch fortan spielte die rebellische Athletin, schon immer gern gegen den Strom der Weisungen und Direktiven schwimmend, weder als Solistin noch im Pärchenbetrieb des Tennis: Zwei geschlagene Jahre nahm sich Li Na eine Karriere-Auszeit, studierte in ihrer Heimat Wuhan Medien- und Kommunikationswissenschaften. „Erst danach hatte ich viel größere Freiheiten, das zu tun, was ich wollte. Und was gut für mich war“, sagt Li Na.

Und so stand sie denn am 4. Juni als historische Siegerin der French Open, als erste Chinesin auf einem Grand Slam-Thron, denn auch keineswegs als Symbolfigur eines militärisch straff organisierten Sportsystems da, sondern als Heldin der Individualität – triumphiert hatte auf dem „Roten Platz“ von Paris eine meisterliche Spielerin, die stets ihren eigenen Ideen und Intuitionen vertraute. Die ihren langen Marsch durch die Tennis-Institutionen abseits amtlicher Planvorstellungen ging, eine Königin der Selbstbestimmung: „Es hat sich gelohnt, für das zu kämpfen, was man für richtig hält“, sagt Li Na.

Als sie um 17 Uhr an diesem Samstagabend freudetrunken in den Aschestaub des „Court Central“ sank, nach ihrem 6:4, 7:6 (7:0)-Sieg über die italienische Titelverteidigerin Francesca Schiavone, war die bemerkenswerte French Open-Mission von Li Na gleichsam einen dicken Eintrag in die Rekordbücher des Tennis wert - nicht nur, weil sie als erste Asiatin und Chinesin alle Widerstände bei einem der vier Major-Wettbewerbe beiseite räumte. Sondern auch, weil noch nie in einem Land der Erde soviele Menschen einen Triumph einer Landsfrau bejubelten: Bis zu 200 Millionen Menschen saßen im (Riesen-)Reich der Mitte vor dem Fernseher, sahen die bewegenden Bilder der Siegerfeier, die Tränen Li Nas, und hörten dann, Premiere unter Premieren, die schmissige Nationalhymne der neuen Weltmacht erklingen.

Eigentlich hatten sie in Chinas Sportführung ihre jetzigen Topspielerinnen wie Li Na, Jie Zheng oder Shuai Peng schon als Übergangsgeneration abgehandelt, deren Erfahrungen den talentierten Stars von Morgen helfen sollten. Doch wo im Damentennis gerade sowieso eine Renaissance der reifen Fachkräfte stattfindet, ließ sich auch die schlaue Strategin Li Na nicht lange bitten und machte um ihr 30. Lebensjahr herum noch einmal richtig mobil. „Ich glaube, dass man die beste Tenniszeit seines Lebens zwischen 28 und 35 Jahren hat“, sagt die temperamentvolle Chinesin, die nie vor unbequemen Entscheidungen zurückscheut. Selbst ihren Ehemann Jiang Shan verbannte die „Große Schwester“ (China Daily) im Frühjahr als Coach, als nach der Australian Open-Finalniederlage eine sportliche Krise eintrat und der häusliche Frieden schwer gestört war. Fortan übernahm der Däne Michael Mortensen das Regiment – und brachte der Grand Slam-Siegerin den Spaß am Tennis zurück. „Ich musste auch ihre negativen Emotionen zügeln. Sie ist manchmal zu hart gegen sich selbst“, sagt Mortensen.

Konsequent im Durchsetzen ihrer Vorstellungen ist sie allemal. Auch, wenn's ums liebe Geld in ihrer turbulenten Laufbahn ging. Als die chinesinnen Spitzenspielerinnen gegen die Verbandsmaschinerie aufbegehrten, weil die üppige Teile der verdienten Preisgelder einstrich, war Li Na in vorderster Front dabei. Die Ungezähmteste aller Widerspenstigen hatte Erfolg: Statt 65 Prozent mussten nur noch zwölf Prozent des Lohns abgegeben werden, mit dem Effekt, dass auch Li Na sich ein Trainerteam des eigenen Vertrauens aufbauen und bezahlen konnte. Im letzten Jahr arbeitete sie auch einmal mit dem international geschätzten Schweden Thomas Hogstedt zusammen, dem früheren Trainer von Tommy Haas. Als der eine Offerte von Maria Scharapowa bekam, sprang vorübergehend wieder einmal der duldsame Ehemann Jiang Shan ein. Dass der Gatte so einiges mit ihr auszuhalten hat, auch schon einmal öffentliche Schimpftiraden auf dem Court, weiss Li Na „nur zu gut“: „Aber er weiß auch, dass ich ihn ganz tief liebe. Wir sind unzertrennlich, auch wenn manchmal diese Funken schlagen.“

Li Na, ein echter „China-Kracher“, war schon immer eine Vorreiterin des Tennis-Erfolgs. 2004 gewann sie als erste Tennisspielerin des größten Volks der Erde einen Tourtitel, in Guangzhou. Sieben Jahre später, in der laufenden Saison, kamen die ganz großen Coups: Als Grand Slam-Finalistin, als Top Ten-Spielerin und als erste Major-Gewinnerin betrat sie wieder Neuland für ihr Heimatland, jene kapriziöse Starspielerin, die Funktionäre auch mit ihrem Körpertattoo und ausgedehnten Shoppingtouren auf die Palme brachte. Nun ist sie drauf und dran, selbst Ikonen wie Basketballer Yao Ming oder Hürdensprinter Liu Xiang nahe zu treten – als gleichrangige Berühmtheit und Idol der Massen. „Sie war schon eine Nationalheldin bisher“, sagte die Präsidentin der Spielerinnenvereinigung WTA, Stacey Allaster, „nun wird sie zum Rockstar werden.“

Der vorläufige Schluss-Punkt in Li Nas Karriere, er wurde auch als wahrer Beginn eines chinesischen Zeitalters im Tennis gedeutet. „Tennis daheim wird größer und größer“, sagte die Siegerin selbst, „bald schon könnten 30 bis 40 Millionen Menschen spielen.“ Und darunter, so Li Na, „sind sicher auch Talente, die noch viel besser sind als ich.“ Neue Champions, die ähnlich spannend sein könnten wie Li Na. (Foto: GEPA pictures / Panoramic)

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