Rittner: "Traum, bei einem Grand-Slam-Titel in der Box zu sitzen"

25.12.2012 | 10:22 · (tennisnet)

Die Fed-Cup-Chefin im großen Jahresrückblick-Interview.

Bild: Jürgen Hasenkopf

Barbara Rittner ist seit 2005 Chefin des deutschen Fed-Cup-Teams. Doch auch bei den Turnieren steht sie Angelique Kerber und Co. stets mit Rat und Tat zur Seite. Im Interview der Nachrichtenagentur dpa spricht die 39-Jährige über das bewegte Jahr 2012, ihre Wünsche für 2013 und darüber, was die deutschen Herren von den erfolgreichen Damen vielleicht lernen können.

Frau Rittner, hat sich der neue Davis-Cup-Teamchef Carsten Arriens schon bei Ihnen gemeldet?

Rittner: "Ja, Carsten hat mich in der Tat angerufen. Aber nicht, um mich etwas Spezielles zu fragen. Es ging nur ganz simpel um eine Hotelreservierung in Australien."

Hat er nicht gefragt, was er von den deutschen Damen lernen kann?

Rittner: "Nein. Er wird seinen eigenen Weg gehen. Er ist ein erfahrener Mann, der sowohl für den DTB als auch für Kurhaus Aachen schon viel gemacht hat. Sicherlich habe ich mich mit Patrik (Kühnen) mehr ausgetauscht, aber wir haben auch jahrelang zusammengearbeitet. Mit Carsten hatte ich bislang noch nicht so viele Berührungspunkte. Da muss man sich erst ein bisschen kennenlernen."

Was können die Herren denn von den Damen lernen?

Rittner: "Ach, das weiß ich gar nicht. Wir sind in diesem Jahr im Fed Cup abgestiegen. Von daher wohl eher gar nichts (lacht). Ich glaube, dass da untereinander sehr viel Redebedarf besteht, dass die Herren sich 2012 schlechter verkauft haben als sie eigentlich sind. Vor allem, was die Außendarstellung angeht. Das hat mich für das gesamte deutsche Tennis sehr geärgert, auch für uns Damen. Ich denke, es geht jetzt um einen Neuanfang. Dass man nach vorne blickt, vergisst, was war und sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen als Team präsentiert und dann an einem Strang zieht."

Auch zu Beginn Ihrer Amtszeit gab es ja Ungereimtheiten. Ist es manchmal einfach besser, einen Schlussstrich zu ziehen?

Rittner: "Ich will mich da gar nicht weiter einmischen. Ich denke, generell ist es wichtig, dass man seine Linie hat und auch Grenzen aufzeigt. Diese Grenzen waren in dem Moment überschritten, wo ein Team sagt, wir wollen den Teamchef nicht auf der Bank haben, wie beim World Team Cup geschehen. Da hätte ich anders reagiert als Patrik."

Sie haben die Negativschlagzeilen angesprochen. Diese hingen auch mit dem neuen Präsidium zusammen. Wie haben Sie das erste Jahr der neuen Führung erlebt?

Rittner: "Es war ein Auf und Ab. Auch für mich. Aber ich will da gar nicht mehr groß drauf eingehen. Man muss sich erst aneinander gewöhnen. Ein Vertrauensverhältnis muss sich erst entwickeln. Für das alte Präsidium kann ich sagen, dass ich immer das Gefühl vollster Rückendeckung hatte. Das neue Präsidium gibt mir jetzt mit einem neuen Vertrag über drei Jahre ebenfalls das Vertrauen. Jetzt liegt es erst einmal an uns als Team, den Wiederaufstieg zu schaffen."

Ihre Vertragsverlängerung hat sich ja ziemlich lange hingezogen. Hätten Sie sich auch vorstellen können, nicht weiterzumachen?

Rittner: "Klar, ich kann mir vieles vorstellen. Es gab auch einige andere Optionen. Aber am Ende war es so, dass ich deutlich signalisiert habe, dass ich gerade nach dem Abstieg weitermachen will. Die Fed-Cup-Mannschaft und auch das Nachwuchsteam liegen mir sehr am Herzen. Ich mache meinen Job wirklich sehr, sehr gerne und aus tiefem Herzen. Aber es gibt eben auch eine Grenze. Und es gab eben Momente, wo Dinge nicht gut gelaufen sind und wo ich diesen Respekt nicht so gespürt habe. Aber ich denke, jetzt haben wir eine Basis, um zu sagen, wir arbeiten drei weitere Jahre zusammen."

Ist Fed-Cup-Teamchefin ein Traumjob für Sie?

Rittner: "Ja, definitiv. Es ist manchmal auch ein Alptraum, aber im Großen und Ganzen ist es ein Traumjob. Vor allem die Kombination mit der Arbeit im Nachwuchsbereich ist sehr wichtig für mich, denn da bin ich noch regelmäßig mit den jüngeren Spielerinnen auf dem Platz. Das macht mir unheimlich viel Spaß, vielleicht sogar noch mehr, als zu coachen und im Hintergrund zu beraten. Irgendwann war Tennis mal mein Hobby, jetzt ist es zum Beruf geworden. Aber es ist auch anstrengender und aufreibender, als man von außen denkt."

Sie haben das erfolgreiche Nachwuchsteam angesprochen. Ist das etwas, was dem deutschen Herren-Tennis im Moment fehlt?

Rittner: "Ich glaube schon, dass das wichtig ist. Man hat mit Michael Kohlmann ja auch einen guten Mann gefunden. Ich glaube, dass es jetzt sogar die noch viel wichtigere Aufgabe bei den Herren ist, da etwas aufzubauen. Das wird sich zwar erst in drei, vier Jahren messen lassen, aber gerade hier ist auch der DTB gefragt, zu investieren und Geld in die Hand zu nehmen. Ich stehe da auch gerne wenn gewünscht bei Fragen zur Verfügung."

Zurück zu den Damen. Wie fällt ihre sportliche Bilanz 2012 aus?

Rittner: "Gemischt. Individuell gab es viele Highlights. Allen voran natürlich das Riesenjahr von Angelique Kerber. Aber auch Wimbledon mit den Erfolgen von Sabine Lisicki. Julia Görges hat ebenfalls ein gutes Jahr gespielt und Mona Barthel nicht zu vergessen. Sie hat vor allem in der ersten Jahreshälfte immer wieder Tennis auf höchstem Niveau gezeigt. Auf der anderen Seite haben die Verletzungen von Andrea Petkovic vieles überschattet. Das war sicherlich das Schlimmste neben dem Abstieg im Fed Cup. Wir haben es noch nicht geschafft, diese individuelle Klasse, die die Spielerinnen in den Turnieren gezeigt haben, in den Fed Cup zu transportieren. Als Teamchefin war es auf jeden Fall ein ganz, ganz schwieriges Jahr."

Was trauen Sie denn Angelique Kerber im kommenden Jahr zu?

Rittner: "Ich traue ihr erstmal zu, dass sie das konstante Niveau von 2012, das sensationell war, wiederholt. Vielleicht kann sie mit den Erfahrungen dieses Jahres sogar noch einen drauf setzen und eines der ganz großen, engen Matches gewinnen und dann eventuell auch mal ein Grand-Slam-Finale spielen."

Was wäre für Angelique Kerber wichtiger: ein Grand-Slam-Titel oder die Nummer eins zu werden?

Rittner: "Ein Grand-Slam-Titel, ganz klar. Die richtige Anerkennung kommt über einen Grand-Slam-Sieg. Das will man einfach erreichen. Nummer eins der Welt ist natürlich auch etwas Tolles, aber da kann es dann trotzdem noch Nörgler geben, die sagen, ach, du hast ja nichts Großes gewonnen. Von daher wäre ein Grand-Slam-Titel schon das Größte. Es wäre auch für mich ein Traum, einmal bei einem Grand-Slam-Titel in der Box zu sitzen."

Glauben Sie, dass Andrea Petkovic nach ihren schweren Verletzungen wieder zu alter Stärke zurückfindet?

Rittner: "Wenn ihr der Körper keinen Strich durch die Rechnung macht und sie bereit ist, weiter zu lernen und auf ihren Körper zu hören, dann bin ich mir ganz sicher, dass sie wieder zurückkommt. Weil sie einfach so sehr brennt und zu gut ist, um das nicht zu schaffen. Das einzige, was das verhindern kann, ist ihr Körper."

Ein weiteres Sorgenkind war gegen Jahresende Sabine Lisicki. Was erwarten Sie von ihr 2013?

Rittner: "Leider wird sie immer wieder durch Verletzungen und Krankheiten zurückgeworfen. Hier muss sie nach und nach rausfinden, wie sie ihren Körper besser in den Griff bekommt. Aber das wird sie. Und dann ist sie eine potenzielle Top-10-Spielerin."

Wenn Sie das Damentennis insgesamt beurteilen sollen: Ist es so stark wie noch nie oder fehlt die absolute Topspielerin?

Rittner: "Ich denke beides. Es ist so athletisch wie noch nie, deshalb ist die Breite unglaublich groß. Was fehlt, ist die absolute Nummer eins, wie früher Steffi Graf oder Martina Hingis. Wobei für mich das im Moment ganz klar Serena Williams ist. Sie ist für mich die Spielerin der vergangenen zehn Jahre. Wenn die fit ist, ist sie unschlagbar."

Eurosport überträgt 2013 kaum noch Turniere. Wie bitter ist das?

Rittner: "Es war natürlich super, dass wir Eurosport hatten. Deshalb hoffe ich darauf, dass die Mädels noch besser spielen, so dass die Öffentlich-Rechtlichen wachgerüttelt werden. Ich bin selber großer Fußballfan, aber irgendwann kann man es mit Übertragungen auch übertreiben. Ich finde auch, dass die Öffentlich-Rechtlichen einen Auftrag haben, den sie erfüllen müssen. Aber wir können nur noch besser spielen und hoffen, dass irgendwann wieder was gezeigt wird."

Wie wichtig wäre ein zweites Damenturnier neben Stuttgart in Deutschland, zum Beispiel in Halle?

Rittner: "Im Moment gibt es - glaube ich - keine konkreten Pläne. Die WTA macht es den Veranstaltern aber auch nicht leicht, weil sie für die Lizenzen Unsummen an Geld verlangt. Ich würde es mir wünschen, weil die Mädels das als Plattform brauchen. Früher mit Hamburg, Berlin, Stuttgart und Leipzig - das war schon eine andere Nummer."

Letzte Frage: Wann würden Sie von einem erfolgreichen 2013 sprechen?

Rittner: "Wenn wir wieder aufgestiegen sind, das ist das Ziel schlechthin. Und wenn wir sagen können, alle Spielerinnen haben das Jahr 2013 verletzungsfrei überstanden und recht konstant ihre Leistungen abgerufen..."

... und ein Grand-Slam-Titel wäre auch nicht schlecht...

Rittner: "Nein, soweit gehe ich gar nicht. Da haben wir auch noch ein Jahr länger Zeit."

Text: dpa; Foto: Jürgen Hasenkopf

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