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Haas und die Kraft der Erfahrung: „Ich weiß, was ich tun muss“

25.06.2012 | 10:51 · (tennisnet)

Der 34-Jährige ließ sich von Andre Agassi inspirieren.

Bild: Jürgen Hasenkopf

Von Jörg Allmeroth aus Wimbledon

An das Gespräch, das ihn überhaupt wieder ins große Spiel zurückbrachte, erinnert sich Tommy Haas noch bis ins kleinste Detail. Es liegt dreieinhalb Jahre zurück, dieses Gespräch, in Las Vegas saß er damals mit Andre Agassi zusammen am Tisch. Haas war frustriert, wieder einmal steckte er mittendrin in einem Comeback-Anlauf, nach einer dieser unglücklichen Verletzungen, die seine Karriere zuverlässig pflasterten. Zum Jammern blieb indes nicht viel Zeit an diesem Tag, nicht bei Agassi, nicht bei dem Mann, der seiner Karriere jenseits der 30 noch einmal einen sagenhaften Dreh gab und reihenweise Grand-Slam-Titel abräumte. „Du hast noch viele gute Jahre im Tennis vor dir“, sagte Agassi dem befreundeten Kollegen ins Gesicht, „aber das geht nur, wenn du selbst 100-prozentig daran glaubst. Wenn du extrem diszipliniert arbeitest und dir den richtigen Turnierplan zusammenstellst.“ Der Nachhall der Agassi-Worte begleitet Haas bis heute auf seinen Wegen durch den Tennis-Wanderzirkus: „Er hat mir aufgezeigt, was möglich war. Dabei war ich schon manchmal davor, alles hinzuschmeißen.“

Aber statt den Ruhestand im sonnigen Kalifornien zu genießen, steht Haas immer noch und immer wieder auf den schönsten und wichtigsten Bühnen des Tennis-Genres, ein Stehaufmann, den sie selbst in der großen, weiten Tenniswelt längst den „Meister der Comebacks“ nennen. Und auf den grünen Spielfeldern Wimbledons, dort, wo die Tour-Karawane nun gerade zum jährlichen Saisonhöhepunkt Station bezogen hat, wirkt der Auftritt des unverdrossenen Kämpfers erst recht beeindruckend und imponierend – nach allem Möglichen und Unmöglichen, was ihm hier in knapp anderthalb Jahrzehnten passiert ist. „Als junger Spieler habe ich das Turnier fast gehasst“, sagt Haas vor seinem Reizduell am Dienstag gegen Landsmann Philipp Kohlschreiber, „aber später habe ich gelernt, es zu lieben und zu schätzen.“ Kein Zufall, dass das späte Beziehungsglück 2009 auch zum vielbestaunten Halbfinal-Einzug des gebürtigen Hamburgers führte. Und genau so wenig ein Zufall, dass sich das alles ein paar Monate nach dem Treffen mit einem gewissen Andre Agassi in Las Vegas vor den ungläubigen Augen der Branche abspielte.

Pleiten, Pech und Pannen

Apropos Agassi: Mit ihm begannen auch die Abenteuer und Absonderlichkeiten von Haas in Wimbledon, im fernen Jahr 1998. Damals schlug der junge Deutsche den Superstar aus Amerika auf dem Centre Court, nur um dann in der nächsten Runde gegen den 99. der Weltrangliste, den Niederländer John van Lottum, zu verlieren. „Auf einem kleinen Nebenplatz“, gab Haas später zu Protokoll, „habe ich nicht so den richtigen Antrieb gehabt.“ Was folgte, war der „Fluch von Wimbledon“. Mal konnte der Mann, der auserkoren war, die Nachfolge von Boris Becker und Michael Stich anzutreten, das Turnier wegen seiner Schulter- und Hüftoperationen gar nicht spielen. Mal verdarb er sich den Magen an einem Brokkoli-Auflauf vor dem Auftaktmatch (2001). Mal trat er so unglücklich beim Einspielen auf einen herumvagabundierenden Ball (2005 gegen Janko Tipsarevic), dass er umknickte und später das Match aufgeben musste. Mal zwang ihn eine Bauchmuskelzerrung zur Aufgabe, noch dazu vor einem Achtelfinale gegen Roger Federer (2007). Und mal fehlte er auch, weil er sich um seine direkt vor Turnierbeginn schwer mit dem Motorrad verunglückten Eltern kümmern musste. „Wimbledon und ich – das war wie verhext“, sagt Haas, „hier kam alles zusammen.“ Pleiten, Pech und Pannen eben. Aber auch die Paukenschläge.

Wenn er nun zum Erstrundenmatch gegen Landsmann Kohlschreiber schreitet, wirkt der 34-jährige Haas indes wie ein Modell-Fall für die reiferen Tennis-Semester auf der Tour – für jene unermüdlichen Spieler über 30, die auf den Spuren Agassis wandeln und sogar noch Turniertitel, wie Haas in Halle, gewinnen können. „Es ist jetzt, in diesem Alter, schlicht der optimale Zeitpunkt, um seine ganzen Karriere-Erfahrungen zu nutzen“, sagt Haas, „man weiß halt genau, was man tun muss. Und wie man es tun muss, um erfolgreich zu sein.“ Haas ist dabei aber auch nüchterner Realist geblieben: „Mit 34 hört nicht alles auf, aber es fängt auch nicht alles neu an.“ Zwei, drei gute Jahre gibt er sich noch, dann soll und kann ein anderes Leben beginnen, eins, das sich nicht mehr um die Quälerei im Kraftraum, die strapaziöse Saisonvorbereitung oder auch ein Erstrundenspiel gegen Kohlschreiber in Wimbledon dreht.

Haas kontra Kohlschreiber – da treffen gleich zum Start der „Championships“ tatsächlich nicht gerade zwei Spieler zusammen, die sich besonders mögen oder jetzt in Wimbledon in der Players Lounge gemeinsam am Tisch über die jüngsten Tour-Gerüchte schwatzen würden. Aber Haas braucht hier genau so wenig wie jüngst in Halle im Halbfinale der Gerry Weber Open den Kick dieser unwichtigen Rivalität, um sein Grand-Slam-Repertoire auszupacken. Schließlich hat er seine Wimbledon-Lektionen ja hart und bitter gelernt: „Sich nur auf das eigene Spiel zu konzentrieren, ist das Wichtigste. Alles andere ist Nebensache.“ (Foto: Jürgen Hasenkopf)

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