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Kämpfer mit Köpfchen: Der neue Tsonga

25.11.2011 | 10:52 · (tennisnet)

Das Spiel des Franzosen ist intelligenter geworden. Es ist kaum noch etwas zu sehen vom Haudrauf-Tennis vergangener Jahre

Bild: GEPA pictures

Von Jörg Allmeroth

Kürzlich hat sich Jo-Wilfried Tsonga mal wieder eine Videokassette aus dem Jahr 2008 angeschaut. Es waren die Aufnahmen des verblüffenden Weges ins Finale der Australian Open und vom verlorenen Endspiel gegen Novak Djokovic, die der sympathische Sportsfreund aus Frankreich in einer ruhigen Stunde betrachtete, und was er sah, das erstaunte ihn ein wenig: „Ich habe so schnell, so rastlos, so riskant gespielt – absoluter Wahnsinn.“

Tsonga: „Mein Spiel hat jetzt mehr Sinn und Verstand“

Auch in diesen Tagen des Spätherbstes 2011 ist der junge Mann mit den sanften Gesichtszügen, weltweit als „Tennis-Ali“ ein fester Begriff, keinesfalls ein Stoiker oder ein Langweiler auf dem Centre Court. Aber seit der 26-jährige Topathlet seine Kraft und Dynamik in einer geordneten Strategie bündelt und mit kontrollierter Risikolust spielt, dankt es ihm seine Arbeitsstatistik mit einem immer erfreulicheren Bilanzüberschuss. Dass Tsonga beim Saisonabschluss der besten Tourprofis – anders als beim Debüt 2008 in Schanghai - nun auch erstmals das Halbfinale erreicht hat, kommt für Kenner der Szene keineswegs überraschend: „Mir war immer klar, dass er alles erreichen kann – wenn er einmal richtiges taktisches Gespür für dieses Spiel entwickeln wird“, sagte Frankreichs Davis-Cup-Kapitän Guy Forget über den besten und vielversprechendsten seiner Tennis-Musketiere, der am Donnerstagabend die WM-Mission des eher matten Rafael Nadal mit dem 7:6 (7:2), 4:6, 6:3-Sieg beendete.

Das Szenario beim Londoner Showdown wirkte gleichsam wie ein Wink für die Schlachtordnung, die sich in der nächsten Tennis-Saison entwickeln könnte. Denn Tsonga, der beherrschte Aggressor, hat am ehesten das Potenzial und nun auch die Nerven, um dem Elitetrupp der Fabelhaften Vier an der Spitze gefährlich zu werden – und um seinerseits große und größte Titelerfolge ins Visier zu nehmen. „Mein Spiel hat jetzt mehr Sinn und Verstand“, sagt der Sohn eines kongolesischen Tophandballers und einer französischen Lehrerin, „ich bin erwachsen geworden in meinem Beruf.“ Im Duell mit Matador Nadal um einen Halbfinalplatz illustrierte der Publikumsliebling seinen Reifeprozess durchaus eindrucksvoll: Stets blieb Tsonga gewollt unberechenbar für seinen Gegenspieler, mixte seine Aktionen mit Stopps, Lobs und Tempowechseln – keine Spur von gleichförmigem Grundlinienspiel, von kraftstrotzendem Tennis-Einerlei. Und wann immer Tsonga selbst auf Attacke umschaltete, dann nicht mit blindem Eifer und rücksichtslosem Wagemut: Lieber bereitete der Franzose den Angriff mit noch einem Schlag mehr vor, wartete bis zum genau richtigen Moment. Er war nichts weniger als ein harter Puncher mit Köpfchen, an diesem Abend der bessere und klügere Fighter im harten Ausleserennen.

Keine Ängstlichkeiten auf dem Platz

Bereits vor den ersten Ballwechseln in der O2-Arena hatte Tsonga eine ähnlich unerschütterliche Geisteshaltung um die Spitzenplätze des Tenniszirkus offenbart wie ehedem auch Frontmann Novak Djokovic. Für Verzagtheit, Ängstlichkeiten und übermäßigen Respekt sei in den Matches mit den Alphatieren Federer und Nadal kein Platz, bemerkte der 26-jährige Gallier im Gespräch mit Reportern, „ich bin noch nie mit Furcht in ein Spiel mit ihnen gegangen. Dann kannst du gleich aufhören.“ Große Lehrmeister seien die beherrschenden Kraftfiguren trotzdem gewesen, so Tsonga, „ich konnte mir viel abschauen: Wie sie in bestimmten Spielsituationen reagieren, wie sie sich ihr Umfeld aufstellen, wie sie ihre Saison planen.“ Gedauert hat es freilich, wie im modernen Tennis üblich, bis weit in die Mitte der Zwanziger, bis Tsonga selbst die Statur eines jederzeit respektablen und respektierten Professionals erreichte – anders als zurückgefallene Mitaspiranten hielt Tsonga auch nach bitteren Rückschlägen den Kopf hoch und verarbeitete seine Frustrationen positiv: „Ich nahm mir eisern vor, es nach einer Niederlage beim nächsten Mal besser zu machen.“

In einem persönlich heißen Tennisherbst hat er sich mit einer gewaltigen Schlussoffensive nicht nur qualifiziert für das Bestentreffen, sondern auch schon markiert, dass er dort keineswegs die Rolle eines Mitläufers auszufüllen gedenkt. Siege in Metz und Wien, dazu noch glänzende Masters-Resultate wie in Paris transportierten einen selbstbewussten Tsonga nach London – einen Mann, der auch bei der WM-Auftaktniederlage gegen Federer am Thron des haushohen Turnierfavoriten rüttelte. Zwischenzeitlich ging im Aufschlaggewitter und den harten, präzisen, wohlberechneten Attacken Tsongas gar nichts mehr für den Maestro – erst in den allerletzten Minuten setzte sich der Schweizer dann durch. Aber wundern würde es einen nicht, wenn es am Sonntag nun noch einmal Gelegenheit gäbe zur Revanche für Tsonga. Dann im Finale, im Kampf um die Weltmeisterschaft. „Ich hätte nichts dagegen, Roger wiederzusehen“, sagt Tsonga mit dem unbezwingbaren Charme seines Lächelns. (Foto: GEPA pictures)

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