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Der Return von Rafael Nadal: In Björn Borgs Fußstapfen

21.05.2013 | 10:24 · (tennisnet)

Der Spanier steht beim Return mehrere Meter hinter der Grundlinie und hat mit dieser Taktik großen Erfolg.

Bild: GEPA pictures

Von Stefan Leyh

Björn Borg schrieb 1983 in „Mein Spiel, mein Leben“, wie er so ziemlich jede Regel verletzt hat, die sich in Lehrbüchern über Tennis findet. Über seinen Return notierte er: „Die gewöhnliche Empfehlung, von wo aus man den Aufschlag returnieren sollte, ist eine Fußlänge (rund 30 cm, Anm.) hinter der Grundlinie. Und im Falle eines zweiten Aufschlags eine Fußlänge innerhalb der Grundlinie. [...] Ich positioniere mich nicht weniger als zehn Fußlängen hinter der Grundlinie, gegen manche Gegner auch mehr. Der Grund? Ich möchte einen harten Aufschlag so lange wie möglich im Blick haben. Ich benötige ausreichend Zeit, die Richtung des Aufschlags ins Visier zu nehmen, dann aufzudrehen und zum Ball zu schwingen.“

Borgs Ziel war es, jeden Aufschlag zurückspielen. „Das verärgerte und überraschte meine Gegner gleichermaßen.“ Heute, dreißig Jahre später, lesen sich diese Zeilen wie eine haargenaue Beschreibung Rafael Nadals. Der siebenmalige Roland-Garros-Sieger returniert die Aufschläge seiner Gegner wie einst der große Schwede mehrere Meter hinter der Grundlinie. Erste Aufschläge genauso wie zweite, auf Sand noch etwas weiter hinten als auf schnelleren Belägen. Anders als Borg stehen Nadal heute keine Serve-and-Volley-Spezialisten mehr gegenüber, die er mit seinem Return zu einem schwierigen Volley zwingen müsste. Nadal hat es auf etwas anderes abgesehen: Topspin. So viel wie möglich, so früh wie möglich in der Rally.

Große Schwünge mit viel Topspin

Indem er die Bälle im Fallen nimmt, hat er mehr Zeit, einen größeren Schwung zu machen. Aus einer Position weit hinter der Grundlinie kann "Rafa" den Return fast wie einen normalen Grundschlag spielen – in einer steilen Aufwärtskurve und mit viel Unterarm-Rotation, die für Topspin sorgt. Natürlich sind seine Returns immer noch kompakter als sein Vorhand-Grundschlag, aber eben auch nicht so kompakt wie bei anderen Spielern.

Deutlich messbar ist der Spinunterschied bei Returns zweiter Aufschläge. Der kalifornische Tennis-Wissenschaftler John Yandell hat herausgefunden, dass Nadal diese Bälle auf der Vorhandseite mit durchschnittlich 2800 Ballumdrehungen pro Minute (rpm) zurückspielt. Federer und Djokovic bringen es im Vergleich dazu auf nur halb so viel Topspin. Ihr Durchschnitt für Vorhand-Returns nach zweiten Aufschlägen lag in der Stichprobe bei 1400 rpm.

Diese Zahlen lassen erahnen, weshalb sich Nadal auch bei zweiten Aufschlägen seines Gegners nicht näher an der Grundlinie ausrichtet. Von weit hinten kann er seine große Stärke, den Topspin, sofort einbringen, um seine Gegner zurückzudrängen oder sie zumindest zu einem unangenehm hohen, schwer zu kontrollierenden Schlag zu zwingen. Hat er dieses Ziel erreicht, passt er seine Platzposition sofort an. Er rückt bis zur Grundlinie vor und zieht von dort sein Spiel mit der Vorhand auf (siehe Video).





Länge entscheidet über den Erfolg

Nadal bringt sich in Schwierigkeiten, wenn seine Returns wie in der dritten Runde von Rom zu kurz ausfallen. Gegen Ernests Gulbis kamen seine Rückschläge reihenweise vor der Aufschlaglinie runter. Gulbis konnte den ersten Grundschlag immer wieder auf oder innerhalb der Grundlinie spielen. Von dort hatte er viele Optionen. Er konnte einen Winkel probieren, die Richtung des Balles ändern, einen Stoppball einstreuen, etc. Der Lette verbuchte zahllose Punkte mit zwei Schlägen oder weniger auf seinem Konto. Sein Spiel entsprach weitestgehend dem, mit dem es Robin Söderling 2009 gelang, Nadal in Paris zu eliminieren. Schnelle und platzierte Aufschläge gepaart mit aggressiven ersten Grundschlägen.

Um sich vor den brachialen Grundschlägen eines Spielers wie Gulbis zu schützen, muss Nadal seine Returns nicht zwangsläufig millimetergenau an die Grundlinie zirkeln. Björn Borg schrieb 1983, dass er lediglich einen Punkt dreieinhalb Meter vor der Grundlinie anvisiert habe – „zur Sicherheit“. Länge verlieh ihm sein „mörderischer Topspin“, dessen Vorwärtsorientierung dafür sorgte, dass der Ball nach dem Aufsprung zügig die Grundlinie überquerte. Für Nadal, der weitaus mehr Ballumdrehungen erreicht, als Borg sich mit seinem Holzschläger erträumen konnte, gilt das allemal.

Dass sein Gegner ihm mit einem Aufschlag nach außen zuvor kommen und den offenen Winkel nutzen könnte, hält Nadal ebenso wenig wie Björn Borg davon ab, weit hinten zu stehen. Letzterer schrieb schon 1983: „Der Nutzen der zusätzlichen Zeit überwiegt meiner Meinung nach bei Weitem das Risiko eines Winkelaufschlags nach außen.“ Es ist zu erwarten, dass Nadal auch bei den am Sonntag beginnenden French Open wieder in Borgs Fußstapfen treten wird. Irgendwo im Bereich der Bande. (Foto: Cordon Press/ Victor Salgado - GEPA pictures)

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