Zur Mobilversion wechseln

Die US-Boys beim Heimspiel: Young, aber gereift

06.09.2011 | 12:54 · (tennisnet)

Gegen die meisten Erwartungen haben vier US-Amerikaner das Achtelfinale bei den US Open erreich. Die Überraschung dabei ist ein "ewiges Talent", das keines mehr bleiben will.

Bild: GEPA pictures

Von Petra Philippsen

Die Aussichten waren trostlos. Mehr als trostlos sogar. Vor dem Beginn der US Open hätten die Erwartungen an die amerikanischen Spieler kaum geringer sein können. Zehn von ihnen stehen zwar in den Top 100, Mardy Fish sogar unter den besten Zehn, doch wird keinem von ihnen mehr das Potenzial für einen Grand-Slam-Sieg zugetraut. Und nur darum geht es der erfolgsverwöhnten Tennisnation, die seit 40 Jahren eine Vielzahl großer Champions hervorgebracht hatte. Andy Roddick, der letzte der Ihren, der zumindest einmal 2003 in Flushing Meadows triumphiert hatte, war gerade aus den Top 20 herausgerutscht. Zum ersten Mal seit zehn Jahren. Angeschlagen war "A-Rod" zuletzt auch ständig gewesen, in der Form alter Glanztage hatte man Roddick schon lange nicht mehr gesehen. Die Fans waren auf das Schlimmste gefasst. Die glorreichen Zeiten von Sampras, Agassi und Courier sind längst vergangen, und man hatte sich so langsam damit abgefunden, dass keiner diese große Lücke zu schließen vermochte.

Donald Young: Nicht eingelöster Lottoschein mit sechs Richtigen

Doch dann begannen die US Open, und alles kam ganz anders. Statt kollektivem Frust, kamen die Amerikaner aus der Partystimmung gar nicht heraus. Von zwölf gestarteten Lokalmatadoren, schafften es tatsächlich fünf in die dritte Runde, vier sogar bis ins Achtelfinale. "American revivals" titelten die großen Zeitungen und hofften inständig auf eine Neuauflage der guten alten Zeiten. Oder zumindest auf neuen, frischen Wind. Und da war dann auch einer, der ihnen dieses Gefühl ganz unvermittelt brachte. Einer, den sie in Amerika eigentlich schon längst abgeschrieben hatten: Donald Young. Mit 15 Jahren war dieser Junge aus Chicago Profi geworden, stürmte an die Spitze der Juniorenweltrangliste mit 16 Jahren und fünf Monaten so früh wie niemand zuvor. Die Amerikaner waren sich schnell sicher: Da war er, ihr neuer Champion. Einer, der ihre Sehnsüchte erfüllen würde nach den ganz großen Siegen. Doch Young vermochte diese Rolle nicht auszufüllen, blieb das große Talent, nach nunmehr sieben Profijahren schien er gar ein ewiges zu bleiben. Er trieb sich auf der Challenger-Tour herum, verlor gegen Gegner, die um 300 in der Rangliste standen. Der Erwartungsdruck lastete schwer auf den Schultern des Teenagers, fast hätte er alles hingeworfen, noch bevor er volljährig war. Young wirkte stets wie jemand, der einen Lottoschein mit sechs Richtigen in der Tasche hat, ihn aber nicht einlöst.

Aber plötzlich scheint Young das Glück doch noch beim Schopfe gepackt zu haben. Der 22-jährige, mit der schief aufgesetzten Baseballmütze als Markenzeichen, stürmte wie im Rausch ins Achtelfinale der US Open. Stanislas Wawrinka hatte er in fünf Sätzen aus dem Turnier befördert, Juan Ignacio Chela folgte hinterher. "An diesem Punkt meiner Karriere war das mein größter Erfolg", freute sich Young, der unter dem tosenden Jubel der Zuschauer wie ein Flummi im Siegestaumel über den Platz gehüpft war. Was war passiert mit Young? Er hatte trainiert, vielleicht erstmals in seinem Leben ernsthaft. In der Offseason hatte er im USTA-Stützpunkt im kalifornischen Carson einen Monat lang intensiv gearbeitet. Mardy Fish und Sam Querrey waren auch dort, auch Pete Sampras stand ihm für ein paar Trainingseinheiten zur Verfügung. "Wir haben abwechselnd zwei Tage Fitness gemacht, dann zwei Tage Tennis gemacht – das ich mehr, als ich je gemacht hatte", sagte Young, "direkt danach fühlte ich mich total platt, aber ich denke, so langsam zahlt es sich jetzt aus."

"Besser man lernt spät als nie"

Der Sieg über Wawrinka dauerte 4:20 Stunden, aber Young hielt durch. "Ich wollte einfach nicht mehr die gleichen Ergebnisse, ich wollte etwas Neues ausprobieren. Manche Menschen müssen wohl erst aus der Erfahrung lernen", fügte er hinzu, "besser man lernt spät als nie." Tennis hatte er immer geliebt, nur das ständige Verlieren gehasst. Das trübe Tal der Niederlagenserien scheint lange hinter ihm zu liegen, Young setzt in Flushing Meadows zum Höhenflug an, an den niemand mehr geglaubt hatte. "Von der ersten Runde beim Challenger in Aptos zu verlieren zum Achtelfinale der US Open, ist einfach unglaublich", sagte Young. Und dort wird der Weg mit der Partie gegen Andy Murray wohl zu Ende gehen, aber dennoch hatte der energiegeladene Young in New York etwas angestoßen. "Es ist jetzt ein gesunder Konkurrenzkampf", sagte Roddick, der ebenfalls im Achtelfinale steht, "wenn Donald Ryan Harrison im Sommer gut spielen sieht, dann will er das auch und das ist gut." Und Roddick ging noch weiter: "Das ist es, was man bei der Goldenen Generation gesehen hat – sie haben sich gegenseitig angestachelt und hochgezogen. Schön zu sehen, dass es bei uns jetzt auch beginnt. Man kann das Momentum direkt spüren." Nach dem Aus von Mardy Fish ist wohl auch die theoretische Chance auf einen amerikanischen Champion 2011 verpufft. Doch die Zukunft sind seit den Tagen von Flushing Meadows zumindest nicht mehr ganz so trübe aus. (Foto: GEPA pictures)

Mehr auf tennisnet.com
    Mehr im Web