tennisnet.com Kolumne

„Let’s go, Andy, let’s go!”

Andy Murray gewinnt die Publikumswertung, Kevin Anderson das Ticket für das Viertelfinale bei den US Open.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 08.09.2015, 18:53 Uhr

Wer gewinnt? Tippt jetzt!

Von Jens Huiber aus New York

Orange mag in manchen europäischen Ländern die Farbe des politischen Umbruchs sein – in New York City ist sie es auch: Ein Teil des Farbspektrums der New York Mets, jenes im Regelfall bedauernswerten Baseball-Teams, das im Schatten der Yankees sein Dasein fristet. Ein klein wenig Orange steckt allerdings auch im Logo der Universität von Illinois, jenem College, für das Kevin Anderson dereinst in die Bütt ging. Vollends unübersichtlich wird indes die Situation, wenn ein Herr im orangefarbenen T-Shirt jeden Punkt von Andy Murray bejubelt, als hätte der Schotte gerade eben die Wiederholung seines ersten Grand-Slam-Erfolges in New York klargemacht. Hat er nicht, im Gegenteil darf Kevin Anderson nun gegenStan Wawrinkaspielen, einen seiner Lieblingsgegner. Was der Größe des Montagabends im Louis Armstrong Stadion auch in der Retrospektive nichts anhaben kann.

Anderson bedient die gesamte Klaviatur des Spitzentennis

Als ob er sich schon auf den Davis-Cup-Clash gegen die Australier in Glasgow einstimmen wollte, hatte Murray das Publikum gefordert, gepusht, fast provoziert. Das übliche Lamento, das Murray braucht, um optimale Spieltemperatur zu erreichen, verschmolz mit den Startgeräuschen der Flugzeuge vom LaGuardia Airport zu einem Grundrauschen, das die Tennis-Professionals in dieser Form wohl nur in New York erleben. Anfang des dritten Aktes hatte Murray den Südafrikaner gebreakt, ein vorletzter Hoffnungsschimmer nach 0:2-Satzrückstand. Anderson schlug umgehend zurück, Murray zerschlug darob umgehend sein Spielgerät und überreichte dieses einem seiner lautstärksten Supporter. Den ganzen Tag über hatten sich vor dem einstigen Center Court Schlangen gebildet, nur wer ein ausgewiesenes Platzticket hat, darf direkt auf die Tribüne.

Gegen Ende des vierten Satzes funktionierte dann auch die Welle, Murray hatte keinen Nerv dafür, servierte trotz der anhaltenden Begeisterung einfach durch. Anderson auf der anderen Seite stand keineswegs alleine gegen alle, nicht wenige Alumni aus Illinois setzten feine verbale Nadelstiche in seinem Namen, schon im Match gegenDominic Thiemhatten sich die Fans quer über den Court mit dem an der ehemaligen Universität Andersons üblichen Schlachtruf „I-L-L“ an Gleichgesinnte gewendet, deren Replik „I-N-I“ folgte auf dem Fuß. Wer den 29-jährigen Hünen nur über den Aufschlag definiert, liegt falsch, wenn auch nicht ganz. Alleine: Vorhand, Rückhand, Volley – Anderson bedient die gesamte Klaviatur des Spitzentennis, vorzugsweise flach und schnell, an guten Tagen beinahe schnell genug, um auch den Branchenbesten zu schlagen, siehe das Match-up mitNovak Djokovicin Wimbledon vor ein paar Wochen.

Der Abschluss des amerikanischen Sommers

Roger Federerkönnte auf den Südafrikaner im Semifinale warten. Gegen die Nummer zwei der Welt hat Anderson vor wenigen Tagen in Cincinnati eine üble Schlappe einstecken müssen. Der „Maestro” bespielt an diesem AbendJohn Isner, einen Mann, den man sehr wohl über seinen Aufschlag definieren darf. Es ist Labor Day, der traditionelle Abschluss des amerikanischen Sommers, vom patriotischen Gehalt nicht auf einer Höhe mit dem 4. Juli, aber immerhin ein nationaler Feiertag. Und auf dem Arthur Ashe stehen acht von zehn Zuschauern hinter einem Schweizer, bejubeln abgewehrte Breakbälle, feiern einen zu null gewonnenen Tiebreak Federers, der seiner Arbeit überaus konzentriert nachgeht, so wie schon gegenPhilipp Kohlschreiberan gleicher Stelle.

Das weiß-pinke Outfit setzt einen Kontrapunkt zu den Auftritten ganz in Schwarz vergangener Tage, wer möchte, kann dieses beim zentral gelegenen Verkaufsstand von Federers Ausrüster gleich mit nach Hause nehmen. Die Nightsession ist ausverkauft, der Blick nach oben durch die noch nicht ganz fertige Dachkonstruktion etwas surreal: Der Himmel ist sternenfrei, „pitch black“, wie der Amerikaner sagt, als hätte jemand ein großes schwarzes Bettlaken über das Arthur Ashe Stadium gestülpt. Roger Federer wackelt kurz in Durchgang zwei, öffnet für Isner die Tür, nur um diese sofort wieder zuzuschlagen. Beinahe exakt um Mitternacht ist der Spuk für den Amerikaner vorbei, das Stadion zu diesem Zeitpunkt schon gut geleert: Das Labor Day Weekend war kurz, aber anstrengend, wer indes dienstags nicht schon früh zur Arbeit muss, genießt die magische Atmosphäre dann doch bis zum Schluss.

Hier die Ergebnisse von den US Open:Einzel,Doppel,Einzel-Qualifikation.

Hier der Spielplan.

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Dienstag
08.09.2015, 18:53 Uhr